Seethermie an der Ostseeküste
Wie viel Wärme das Meer liefert – und wo Physik und Wasserrecht die Grenze setzen
Meerwasser ist eine praktisch unerschöpfliche Wärmequelle – im Winter aber nur bei 0 bis 4 °C. Der Beitrag leitet Quellenleistung und Volumenstrom einer Seewasser-Wärmepumpe ab, zeigt an einer Studie für ein Hotelresort an der Ostseeküste, warum der Winter die Anlage bemisst, und nennt die wasser- und naturschutzrechtlichen Fragen, die vor der Planung zu klären sind.
SCHLAGWÖRTER · Seethermie · Meerwasser-Wärmepumpe · Ostsee · Volumenstrom · Gewässerbenutzung · WHG
1Ausgangslage
Oberflächenwasser ist eine offene Quelle: Die entzogene Wärme wird ständig nachgeliefert – anders als im Sondenfeld desselben Hotels, das erst mit rd. 95 % Rückspeisung trug [6]. In Neustadt in Holstein speist seit 2026 eine Meerwasser-Wärmepumpe mit rd. 700 kW in ein Wärmenetz [3], [4].
2Quellenleistung und Volumenstrom
Aus Heizleistung und Leistungszahl folgt die Entzugsleistung, daraus der Volumenstrom:
Q̇H Heizleistung · Q̇Q Entzugsleistung · ρ·cp ≈ 4,1–4,2 MJ/(m³·K) · ΔT Abkühlung des Seewassers
Halbiert sich die zulässige Abkühlung, verdoppelt sich die Fördermenge; Filter und Leitungsquerschnitt wachsen mit, die Pumpenleistung stärker.
3Der Winter bemisst die Anlage
Im Februar hat das Wasser im Mittel 2 °C, im Minimum 0 °C. Maßgebend ist die Auslauftemperatur: Brackwasser gefriert bei rd. −0,5 bis −1 °C. Mit 2 bis 3 K Abkühlung läge der Auslauf von Dezember bis März zeitweise bei 0 bis −2 °C (Bild 1a); dann ist der Entzug zu drosseln oder durch Spitzenlast zu ergänzen. Halbe Abkühlung und 2,3-fache Last ergeben – bei etwas kleinerem Quellenanteil – im Februar rd. den vierfachen Volumenstrom des Augusts; die Spitzenleistung liegt im Dezember und Januar. Die LAWA-Empfehlungen (über 3 °C, höchstens 5 K, 1 K/h) gelten nur für Fließgewässer und Seen [2]; für die Ostsee entscheidet die Wasserbehörde.
4Ergebnis der Studie
Von den untersuchten Quellen trägt nur das Seewasser die Grundlast (Tabelle 1), an kalten Tagen mit Spitzenlast. Wegen der höheren JAZ liefert es mehr Quellenenergie als das Sondenfeld in [6] (1 410 MWh/a); denkbar ist, das Feld im Sommer mit Seewasser zu laden.
| Größe | Wert |
|---|---|
| Wärme über die Wärmepumpe | rd. 2 270 MWh/a |
| davon aus dem Meer | rd. 1 620 MWh/a |
| Strom Wärmepumpe | rd. 640 MWh/a |
| JAZ ohne / mit Förderpumpen | 3,5 / rd. 3,3 |
| COP Februar / August | 3,0 / 4,5 |
| Spitzen-Volumenstrom | rd. 175 m³/h (Februar) |
5Genehmigung und Technik
Das Rückleiten ist ein Einleiten nach § 9 Abs. 1 Nr. 4 WHG und erlaubnispflichtig (§ 8); die Entnahme aus dem Küstengewässer prüft die Wasserbehörde mit [1]. Je nach Lage kommen WSA (§ 31 WaStrG), Küstenschutz und Natura 2000 hinzu. In Schleswig-Holstein gilt der 150-m-Schutzstreifen, mit Ausnahmen u. a. für wasserrechtlich erlaubte Anlagen [5].
- Auf den Winter bemessen: Auslauf klar über dem Gefrierpunkt, Entzug unter rd. 2 °C drosseln, Spitzenlast vorsehen.
- Temperatur und Salzgehalt ein Jahr messen; Titan gegen Korrosion, Siebe und Molchung gegen Bewuchs, Glykol-Zwischenkreis gegen Frost.
- WHG Wasserhaushaltsgesetz, §§ 3, 8, 9 · WaStrG § 31
- LAWA (2025) Leitfaden Gewässerthermie, Projekt O 5.23
- stadt+werk (2026) Energiequelle Ostsee. Meldung vom 10.09.2026
- Stadtwerke Neustadt in Holstein www.swnh.de, Abruf 24.09.2026
- LNatSchG SH § 35 Schutzstreifen an Gewässern
- GeoStudys Fachbeiträge 3 (2026) Sondenfeld und Bilanzgrad über 25 Jahre
ZITIERVORSCHLAG: GeoStudys Consulting (2026): Seethermie an der Ostseeküste. GeoStudys Fachbeiträge, Heft 1, Beitrag 04. www.geostudys.com/fachbeitraege/seethermie-ostsee.html